Interview mit Julian aus München

- 27 Jahre alt
- geboren in Erkelenz bei
Mönchengladbach
- lebt seit sieben Jahren in
München (ab April 2006)
- arbeitet als Tutor an der
Universität und Türsteher

 

 

Warum hast du bei dem Projekt „migrantvisions“ mitgemacht und wie bist du auf das Projekt aufmerksam geworden?

J: Ich kenne eine der Initiatoren des Projekts (Sara Yang) aus unserer gemeinsamen Zeit in New York. Dort haben wir viel über Migration und Identität, speziell in Deutschland, gesprochen. Ich habe mich total gefreut, als sie sich bei mir gemeldet hat.

Was hat dir am meisten Spaß an diesem Projekt gemacht?

J: Ich bin zwar kein Fotograf, aber es war sehr interessant durch die Stadt, durch meinen Alltag zu gehen und sich zu überlegen, was so konzeptionelle Momente sind. Also, wo Momente sind, die unter einer Begrifflichkeit zu „labeln“ sind. Das war spannend – ja!

Das Thema war ja „Liberté, Egalité, Fraternité“ – Ist dir dazu sofort etwas eingefallen, was du fotografieren willst? Hattest du ein bestimmtes Konzept?

J: Ich hatte mir am Anfang zunächst eine konzeptionelle Vorgabe gemacht. Gerade weil ich momentan in der Europäischen Ethnologie bin, also sozialwissenschaftlich arbeite, habe ich mir erst gedacht, ich mache nur Porträts. Dann habe ich mich aber nicht so sklavisch daran gehalten.

Bei dem „Egalité“-Bild habe ich einen Bekannten von mir fotografiert und es ist auch eigentlich nur ein Schnappschuss. Er schaut irgendwie so fragend in die Kamera und ich fand das einfach gut, weil wir sehr viel über Polizeigewalt und Polizeikontrolle gesprochen haben und ich finde er schaut auf dem Bild einfach so fragend in die Kamera. So nach dem Motto: EGALITÉ ? – Wirklich???
Bei dem „Fraternité“-Bild habe ich ein Fenster auf dem Weg zu einem Café in München fotografiert, in dem zwei Dinosaurier stehen. Und das fand ich einfach total gut, also die Idee, dass Pflanzen- & Fleischfresser zusammen im Fenster hocken. Das fand ich eigentlich ziemlich süß! Naja und bei Fraternité, also Solidarität innerhalb einer Gesellschaft, dort hat ja jeder, der Reiche wie der Arme, seinen Platz. Ich finde gerade in so multikulturellen Gesellschaften wird ja immer die Frage gestellt: „Was ist eigentlich der gemeinsame Konsens?“ Wenn man das aus dem Bauch heraus beantworten will, driftet man ja dann doch irgendwie in so eine Art Esoterik hinein: So nach dem Prinzip „alle Menschen sind gleich, Brüder und Schwestern“. Ich kann das jetzt zwar nicht philosophisch herleiten, aber die Idee, dass Pflanzen- & Fleischfresser zusammenhalten können und auch auf so einem Fensterbrett gemeinsam stehen können, das finde ich sehr
metaphorisch!

Naja, und das dritte Bild, das ist einfach eine Person vor einem Erste-Hilfe-Kasten, der übrigens an der Theresienwiese steht und der zum Oktoberfest wahrscheinlich sehr viel Sinn macht, wenn man sich dort zum Beispiel ein Pflaster ziehen kann. Ich fand die Idee von dieser Person vor diesem Kasten ganz spannend, weil ich nämlich an Gleichheit glaube, also dass alle Menschen gleich sind und ich glaube an Solidarität, also dass man für einen anderen Menschen einstehen soll. Aber ich glaube auch, dass sich jeder nur selbst befreien kann. Dass ist in persönlichen Beziehungen wie in Gesellschaften so: Bei aller Hilfestellung, die man leisten kann. Am Ende des Tages kann nur jeder für sich, sich aus seiner eigenen Entmündigung befreien.

Von Susanne Engel

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